Bezirksversammlung Bergedorf

Drucksache - 21-0334  

 
 
Betreff: Beseitigung der Mängel in der Ausstellung "Proteste in Bergedorf" im Museum für Bergedorf und die Vierlande
Status:öffentlichDrucksache-Art:Antrag
Verfasser:Fraktion DIE LINKE
Federführend:Dezernat Steuerung und Service   
Beratungsfolge:
Bezirksversammlung Bergedorf
28.05.2020 
Sitzung der Bezirksversammlung Bergedorf      

Sachverhalt
Beschlussvorschlag
Anlage/n

ALLRIS® Office Integration 3.9.2

Sachverhalt:

Antrag der BAbg. Heilmann und Fraktion DIE LINKE

 

Es ist begrüßenswert, dass im Bergedorfer Museum an die Proteste in Bergedorf aus den letzten 120 Jahren erinnert wird. Umso bedauerlicher ist es, dass eine Reihe von Mängeln zu konstatieren sind. Dabei geht es

-          um eindeutige Fehler,

-          um Auslassungen,

-          um Mischung von Information und Wertung.

 

Es drängt sich angesichts des  Ausstellungskonzeptes (Schnelldurchgangs durch die deutsche Geschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute, Beschränkung auf ausgewählte Einzelbeispiele, ein buntes Durcheinander ohne soziologischen oder historischen Tiefgang, es fehlt sozusagen der Rote Faden) die Frage auf, warum der Ausstellungstitel gewählt wurde.  In letzter Zeit stand vor allem der „protestleere“ Ausstellungsraum 1933-1945 in der öffentlichen Kritik. Dabei kam es zu Aussagen der Direktorin der Bergedorfer Museumslandschaft und dem Bezirksamtsleiter (vgl. BZ vom 5.2.2020, S. 11), „Protest dürfe nicht mit Widerstand oder Zivilcourage gleichgesetzt werden“, weshalb der Widerstand und die Proteste gegen den Nationalsozialismus in der Ausstellung weggelassen worden seien. Dazu einige Vorbemerkungen. 

„Proteste“ (laut Brockhaus von lat. protestari: öffentlich bezeugen, verkünden) sind immer darauf gerichtet, die Öffentlichkeit verbal oder durch Demonstrationen etc. aufzurütteln. Protest beinhalten keine aktiven Handlungen, z.B. gegen staatliche Handlungen, sondern beschränken sich auf öffentlich geäußerte Kritik, die allerdings auch Formen des zivilen Ungehorsams annehmen können. Widerstandshandlungen, z.B. gegen den NS-Terror, sind dagegen manchmal zwar auch für die Öffentlichkeit bestimmte Handlungen und insofern auch öffentliche Proteste, meist aber nicht öffentliche Handlungen, die das NS-Regime erschüttern oder beseitigen sollten.

 

Insofern ist tatsächlich von einer Abgrenzung der „Proteste“ von „Widerstandshandlungen“ auszugehen. „Zivilcourage“, das nur am Rande, trifft dagegen auf beides zu. Dass es allerdings auch im nationalsozialistischen Bergedorf zu eindeutigen Protesten kam, ist belegt.

In der Ausstellung wird nur ansatzweise und widersprüchlich versucht, den Begriff „Proteste“ zu definieren.

 

Das eigentliche Problem der Ausstellung besteht darin, dass sie vorgibt, unter dem Oberbegriff „Proteste“ auch die Gewerkschaftsbewegung, die Novemberrevolution 1918/19, den Hamburger Aufstand 1923 und auch – zumindest mit riesigen Lettern angekündigt – die Zeit des Nationalsozialismus zu behandeln. Dass es dabei zu Lücken und Auslassungen kam, war vorauszusehen. Die ideologisch gefärbte Art der Auslassungen allerdings ist unverständlich.

 

 

Auslassungen und Fehler (eine kleine Auswahl):

 

 

1. Weltkrieg, Novemberrevolution

 

Bei dem vorgestellten General Lettow-Vorbeck fehlen Hinweise auf seine kolonialistischen Kriegsverbrechen in Ostafrika und den konterrevolutionären Terror seiner Freikorps-Truppen. Er wird als Ordnungsmacht in Hamburg dargestellt. Zitat: „Insgesamt gibt es 80 Tote während der Unruhen.“  Dabei wird verschwiegen, dass 65 Hamburger nicht bei den „Sülzeunruhen“ umkamen, sondern durch seine Soldateska.

 

Weimarer Republik

Proteste werden reduziert auf den breit abgehandelten Hamburger Aufstand von 1923, wobei Ernst Henning als „Rädelsführer“ verunglimpft wird. Statt dessen hätte man wirkliche Information erwarten können, z.B. dass Ernst Henning überzeugter Kriegsgegner war (sein Vater Otto Henning weigert sich, Rüstungsgüter in seiner kleinen Eisengießerei zu produzieren), dass Ernst Henning die SPD verließ und in die USPD eintrat, weil die Mehrheits-SPD den Krieg befürwortete, dass er den Bergedorfer Arbeiter- und Soldatenrat mit begründete und dass er Mitglied der KPD wurde. Einzig seine Teilnahme am Hamburger Aufstand hielt die Museumsleitung für berichtenswert, nicht jedoch, dass Ernst Henning 1927 in das Bergedorfer Stadtparlament und 1928 in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt wurde. Da erstaunt es nicht, dass in der Museumsausstellung auch nicht erwähnt wird, dass er am 14. März 1931 von Bergedorfer SA-Leuten ermordet wurde. 

 

Auch andere rechtsterroristische Morde, z.B. an Erzberger und Rathenau werden nicht erwähnt, ebenso nicht der Freikorps-Terror bei der Niederschlagung der Münchener Räterepublik, der Hitler-Putsch 1923 und die militärisch erzwungene Absetzung der thüringischen Landesregierung. Zu den in der Ausstellung nicht erwähnten „Protesten“ in Hamburg und Bergedorf gehört auch der Kampf der Gewerkschaften, der SPD und der Liberalen gegen den Kapp-Putsch und für die Demokratie. Nicht erwähnt werden die zutiefst demokratischen Proteste und Aufmärsche des Bergedorfer Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, der 1924 von allen demokratischen Parteien und Gewerkschaften gegründet wurde, Ende der 1920er Jahre in Deutschland drei Millionen Mitglieder zählte und der sich 1931 mit Arbeitersportvereinen und freien Gewerkschaften zur Eisernen Front zusammenschloss. Nicht erwähnt werden die Bergedorfer Aufmärsche des Roten Frontkämpferbundes.

 

NS-Zeit

 

Proteste oder Widerstandshandlungen werden völlig ausgelassen. Was hätte man zeigen können? Nur einige Beispiele aus Bergedorf: Fritz Bringmann, auch in Bergedorf bekannter Widerstandskämpfer, KZ-Insasse und später Ehrenpräsident der Amicale Internationale KZ Neuengamme, berichtete 2004 in seinem Buch Erinnerung eines Antifaschisten: „An einem der ersten Tage (…) wurde ein Häftling vor den Augen der Bevölkerung von einem SS-Kommandoführer derart misshandelt, dass er bewusstlos zusammenbrach. Nach einer Weile trugen ihn einige Mithäftlinge aus dem Arbeitsbereich fort und legten ihn etwas entfernt ab, doch der SS-Mann begann erneut, ihn zu misshandeln. Da bahnte sich eine Frau durch die Menschenansammlung, ging auf den SS-Mann zu, stellte sich zwischen ihn und den Häftling und protestierte (sic!) lautstark gegen diese Unmenschlichkeit.“  Oder: Der Jungkommunist  Ferdinand Buhk malte aus Protest gegen die Kriegspläne Parolen wie „Hitler bedeutet Krieg!“ und wurde im Hamburger Gestapohauptquartier Stadthausbrücke schwer misshandelt und erhängte sich angeblich im September 1934 in der Haft an seinem Taschentuch selbst. Oder: Michel Pritzel hatte bereits am 1. April zusammen mit anderen Bergedorfer Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterjugend, der Jugendorganisation der linkssozialdemokratischen SAP, in der damals auch der junge Willy Brandt tätig war, aus Protest gegen den Antisemitismus Flugblätter gegen den ersten Nazi-Boykott der jüdischen Geschäfte in Bergedorf verteilt. Oder: Der Sozialdemokrat Willi Osterhold hatte illegales Widerstandsmaterial über den Bäcker Rädcke verteilt. Das alles sind Beispiele für Widerstandshandlungen, aber es waren eben auch Proteste!

 

Proteste nach 1945

 

In dem oberen Stockwerk entfaltet sich ein buntes Kaleidoskop von Protesten. Die Ausstellung erhält so durch die Vielzahl der oberflächlich behandelten Proteste einen verwirrenden Charakter und ähnelt häufig eher einer Art von Disney-Show. Auf die politischen Ziele, die den Protestbewegungen zugrunde lagen, wird nicht hingewiesen. Im Übrigen, das sei noch einmal ausdrücklich betont, wurden all die unterschiedlichen Protestaktionen im Gegensatz zu dem, was Direktorin der Bergedorfer Museumslandschaft der Presse erzählte, nicht von alten, sondern von jungen Menschen getragen.

 

-          Es wird vom Museum selbst hergestelltes, angeblich authentisches “Unser Haus“-Plakat bzw. -Transparent gezeigt.

-          Es werden faschistische Flugblätter („Achtung! Rote Hetze! Ewiggestrige Antifaschisten wollen der Nationalen Opposition die Grundrechte rauben“) gezeigt. Wer die Nazi-Umtriebe gleichsetzt mit demokratischer Gegenwehr, wer damit die These vom Links- und Rechtsextremismus vertritt, setzt Täter und Opfer auf eine Stufe. Das war historisch schon immer falsch.  Die Gleichsetzung führt politisch in die Irre, auch heute, wie die Causa Thüringen zur Genüge zeigt.

-          Die APO wird als von Kommunisten gesteuerter Klamaukverein dargestellt. Zitat: „Die politischen Aktionenen (sic!) der APO überzeugen wenig und beschränken sich auf kommunistisch geprägte Provokationen.“ Es kommt zu einer ganzen Reihe von groben Fehlern. Zur APO werden Organisationen gezählt, die nachweislich, zum Teil weil sie erst später auftraten, nicht dazugehörten. Der Schülerprotest in der Luisenschule wird von einer Schülergruppe gut dargestellt und kuratiert. Das Museum stellt aber den Weg von Christa Eckes zur RAF breit dar und rückt den Jugendprotest allgemein in die Nähe des Terrorismus. Vor allem aber wird auch hier nicht erwähnt, welche tatsächlichen politischen und gesellschaftsreformerischen Ziele die APO verfolgte. Dazu gehörten die Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit ihrer Elterngeneration und das Infragestellen herkömmlicher Familienstrukturen.

-          Frauenproteste: Teilweise reißerisch (auf einer quer durch den Raum gespannten Leine wurden BHs aufgehängt) und Herausstellung sexistische Berichterstattung von Femen-Protesten (BZ: „Bergedorferin nackt auf dem Altar im Kölner Dom“).

-          Die Bergedorfer Anti-Atom Bewegung und die Proteste gegen Boehringer (Dioxin) werden ohne die ihnen zugrunde liegenden politischen Anliegen oberflächlich und teilweise falsch dargestellt.

-          Die Schlosserstürmung wird als unpolitische Aktion dargestellt. Dass es um die Zukunft des Bergedorfer Schlosses und des Museums ging, wird nicht genannt.

 

 

 

Gewerkschaften – missverständliche Traditionslinien, abwertende Kritik

 

-          Raum 2 im Erdgeschoss ist u.a. dem 1. Mai gewidmet. Völlig unkommentiert und nicht abgegrenzt wird ein Foto „Bergedorfer Eisenwerk, Werkschar 66, 1. Mai 1938“ (in NS-Uniform und bewaffnet) neben Fotos von 1. Mai- Veranstaltungen im Bergedorfer Rathauspark (1961 und 1967) gezeigt.

-          Im 2. Raum oben heißt es auf einer Museums-Texttafel unter der Überschrift „Arbeiterbewegung und Gewerkschaften“: „Lohnerhöhungen oder Verkürzung der Arbeitszeiten sind die häufigsten Gründe für Proteste in Deutschland. Arbeitnehmerinteressen vertreten dabei die Gewerkschaften. Nicht gewerkschaftliche Arbeitskämpfe sind illegal.“  Bis hier ist es erst einmal eine recht oberflächliche Darstellung, denn gewerkschaftlich organisierte Proteste begleiten in der Regel Tarifverhandlungen oder wenn die Betriebsräte von ihrem Mitbestimmungsrecht bei Werksschließungen oder (Massen-) Entlassungen Gebrauch machen und von Gewerkschaften unterstützt werden. Die nächsten Sätze auf der Tafel sind dann allerdings objektiv falsch.  „Der Vertretungsanspruch von Gewerkschaften ist heute fraglich. Sie haben zu wenig Frauen, zu wenig junge Menschen und zu wenig qualifizierte Angestellte in ihrer Mitgliedschaft. Freiberufler oder Arbeitsloseninteressen vertreten sie gar nicht.“ 

-          Zugleich ist diese Tafel eines von vielen Beispielen dafür, wie in der Ausstellung immer wieder Informationen mit Meinungen vermischt werden. Es ist Direktorin der Bergedorfer Museumslandschaft zuzustimmen, wenn sie der BZ sagte, dass ein öffentliches Museum „zu wissenschaftlicher Distanz verpflichtet ist“ (BZ, 19.11.2019). Bedauerlicherweise verletzt sie zu häufig ihr eigenes Prinzip.

 

 

ALLRIS® Office Integration 3.9.2

Petitum/Beschluss:

Die Bezirksversammlung Bergedorf beschließt:

  1. Um die etwaigen Mängel der Ausstellung zu untersuchen, zu benennen und zeitnah zu beheben, wird der Bezirksamtsleiter beauftragt, eine Runden Tisch vorzubereiten und durchführen zu lassen, an denen teilnehmen sollen: Historiker der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, das Präsidium der Bezirksversammlung Bergedorf, die Museumsleitung, das Geschichtskontor, der Freundeskreis des Museums, der Museumsbeirat und der DGB.
  2. Die Museumsleitung möge Führungen durch die Ausstellung mit Zeitzeugen organisieren und den öffentlichen Dialog über die Ausstellung befördern.

 

 

ALLRIS® Office Integration 3.9.2

Anlage/n:

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